Des Kaisers neue Wasser

von Thomas Maurer und Florian Scheuba

Manche Geschäftsideen sind so frech, dass auch wir ihnen nicht mehr das Wasser reichen können.

Unlängst waren wir voreilig aufgeregt, weil wir eine Entdeckung gemacht zu haben glaubten. Es war uns gelungen, einen doppelten Espresso zu bestellen, der beim Inkasso mit souveränen € 7,20 sämtliche uns bisher bekannten Preisrekorde zertrümmerte.

Eine genauere Inspektion ergab allerdings ein Teilverschulden unsererseits: Keck und unvorsichtig hatten wir „ein Leitungswasser dazu, aber bitte ein großes“ bestellt.

Und das schlug sich dann mit € 1,80 pro halbem Liter nieder. Die verbleibenden € 5,40 für den großen Schwarzen dümpeln also recht unspektakulär im breiten Feld der Normalchuzpe herum.

Beim Wasser geschnalzt zu werden, ist nun für den gelernten Gast wahrlich nichts Besonderes mehr.

Das Dilemma der Gastronomie können wir dabei gut nachvollziehen: Auf der einen Seite die uralte Tradition, die den ohne Gegenleistung offerierten Trunk Wasser als Inbegriff von Gastfreundschaft und Zivilisation definiert, auf der anderen Seite die betriebswirtschaftliche Einsicht, dass man mit Dingen, für die man Geld verlangt, einfach sehr viel mehr verdient.

Es verdient übrigens Respekt, dass es der Gastro-Branche mittlerweile weitgehend gelungen ist, diese unsentimentale Sicht der Dinge auch im Gast zu implementieren. Auch wir wären ja bereits vor Jahren zur Einsicht gelangt, dass wir finanziell besser gestellt wären, wenn wir deutlich mehr einnehmen würden. Und hatten auch bereits erwogen, bei unseren Vorstellungen zusätzlich zum Eintrittpreis noch eine Sitzbenutzungspauschale einzuheben. Letztlich haben wir uns das dann aber einfach nicht getraut. Und wer feig ist, den bestraft das Leben.

Aber so, wie sich noch vor zehn Jahren kaum jemand zum Konsum von Bild-Zeitung oder Dschungel-Camp bekannt hätte, gab es in der Übergangszeit auch Wirte, die von den in ihnen um Vor­herrschaft ringenden Gefühlen Gier und Scham zu Kompromisslösungen geleitet wurden: Das Auftischen von kostenpflichtigem, aber nach der Methode Grander veredeltem Wasser war zum Beispiel eine solche. Allerdings urteilte das Oberlandesgericht Wien am 17. August 2006, dass „die Bezeichnung ,aus dem Esoterik-Milieu stammender, parawissenschaftlicher Unfug‘ für Granderwasser sachlich begründet“ sei.

In der Zwischenzeit ist in der Gastronomie eine leistungsfähige Mineralwasser-Infrastruktur erwachsen. Das mag erstaunen in einem Land, wo ja nicht entsalztes, chloriertes und notdürftig von Fiebermückenlarven gereinigtes Mangrovenwasser aus der Leitung fließt, sondern nahezu flächendeckend hochwertigste Alpintröpferln.

Das als „aus dem Geizkragen-Milieu stammenden, pseudofeinschmeckerischen Unfug“ zu bezeichnen, liegt uns fern.

Allerdings konnten wir bei Lektüre einer diesbezüglichen Spiegel-Story gelinde Schadenfreude nicht völlig unterdrücken: „Der Sozialwissenschaftler Uwe Pöhls vom unabhängigen Institut IESK steht in der Kaffeeküche der rheinisch-westfä­lischen Wasserwerksgesellschaft und zapft Bottroper Leitungswasser ab. Das Nass soll gleich an einem Wettbewerb teilnehmen und gegen sieben stille Mineralwässer aller Preiskategorien antreten.“
Und natürlich gewinnt es. Haushoch.

Vor Prestigemarken wie Volvic und noch deutlicher vor dem teuersten, wenn auch degustatorisch letztgereihten Luxuswasser von den Fidschi-Inseln.

Hätten vielleicht Top-Oberliga-Wasser wie 10.000 B. C. (aus aufgetautem eiszeitlichen Gletschern, € 27,–/Liter), das tasmanische Regenwasser King Island Cloud Juice (super Name, trotzdem nur € 26,–) oder das wahrhaft elitäre japanische Rokko No Mizu (respektable € 124,– / Liter) besser abgeschnitten? Wer weiß.

Der Spiegel berichtet jedenfalls auch, dass die Abfüller der norwegischen Nobelwassermarke Voss bestätigt haben, dass es sich bei ihrem Produkt um das normale Leitungswasser der Kleinstadt Iveland handelt.

Vielleicht sollten also die Wiener Stadtwerke am Flughafen Schwechat einen „Hochquell-Flagship-Store“ für Touristen auf der Suche nach dem ganz ­besonderen Last-Minute-Souvenir einrichten. € 7,50 pro 0,75-Liter-Bouteille sollte man da schon verlangen können. Und mit dem Erlös könnte man ja notleidenden Wiener Gastronomen den Leitungswasser-Gratisausschank subventionieren.