Prost, Nachbarn!

 Text von Florian Scheuba und Thomas Maurer

Gerade in Zeiten, da das europäische Projekt auf der Probe steht, ist es ratsam, sich auf gemeinsame Werte zu besinnen.

Ein gewisses Maß augenzwinkernder Sympathie mit Staatsmännern, die augenzwinkernd mit dem Alkohol sympathisieren, scheint in den kulturellen Gencode der Donaumonarchie-Nachfolgestaaten eingeschrieben zu sein.
Es ist wohl kein Zufall, dass in der ehemaligen k.u.k.-Kapitale Wien der Witz, in dem der Rathausplatz seine auffallende Sauberkeit dem Umstand verdankt, dass zwei Mal täglich der Bürgermeister mit einem Fetzen drübergeht, seit mindestens vier Jahrzehnten lediglich durch Einsetzen des aktuellen Amtsinhabernamens sacht modifiziert wird.

Zwar hat kürzlich der ungarische Premier die Brüssler EU-Zentrale wissen lassen: „Europa wird langsam so etwas wie Alkohol. Es inspiriert zu großen Zielen, doch verhindert, dass wir sie erreichen.“ Das klingt natürlich befremdlich nüchtern und gemessen an seinen sonstigen Wortmeldungen erstaunlich vollsinnig. Aber es ist ja bekanntermaßen eine Art Hobby Viktor Orbans, seine Nachbarn zu irritieren.

Auf der anderen Seite der österreichischen Grenze, in Tschechien, schaut es schon ganz anders, nämlich sehr viel traditioneller aus: Dort richtet nicht nur der Finanzminister seinem Parteifreund und Kabinettskollegen, dem Gesundheitsminister, öffentlich aus, er möge doch „schnellstens eine Alkohol- und psychiatrische Therapie antreten“, sondern dort eröffnete auch unlängst Staatspräsident Milos Zeman eine Veranstaltung zur Kür der besten tschechischen Weine mit dem Trinkspruch: „Tod den Vegetariern und Abstinenzlern!“

(Sein Pressesprecher interpretierte das übrigens folgendermaßen: „Er hat mit diesem Trinkspruch in Wirklichkeit Adolf Hitler gemeint.“ Im Jahr 2015 den Tod Hitlers zu fordern wirkt zwar ein wenig anachronistisch, aber, wie in diversen im Internet unter dem Stichwort „very funny drunk czech president“ zu findenden Videos ersichtlich, dürfte zeitliche und örtliche Orientierung nicht unbedingt zu den Grundvoraussetzungen der öffentlichen Auftritte des Präsidenten gehören.)

Bei gleicher Gelegenheit formulierte Zeman, diese wie von Jaroslav Hašek erdacht wirkende Figur, auch das hinreißend verstörende Verdikt: „Ein Mensch, der nie einen Weinkeller besucht und nie Zymbalmusik gehört hat, ist kein vollwertiger Mensch!“
Wir gehen davon aus, dass sämtliche Leserinnen und Leser dieses Magazins schon einmal in einem Weinkeller waren und empfehlen, zur eventuellen Erlösung aus einem zymbalabstinenzbedingten Halbmenschentum, den umgehenden Konsum von Karel Gotts „Rot und Schwarz“ (www.youtube.com/watch?v=bwJp_Xh8lP0), einem Werk aus dem Jahr 1969, in dem die „Goldene Stimme aus Prag“ den Rolling-Stones-Klassiker „Paint it Black“ auf Schlagerdeutsch vorträgt, begleitet von, genau, Zymbalmusik.

Wenn Sie sich davon erholt haben, sind Sie vermutlich auch in der Lage, das nächste Zeman-Zitat wegzustecken.

Auf die Frage, warum er denn so viel Alkohol trinke, antwortete das volkstümliche Staatsoberhaupt: „Adolf Hitler war abstinent, Nichtraucher und Vegetarier und hat den Krieg verloren, während Winston Churchill täglich eine Flasche Whisky und drei Flaschen Champagner trank und 8 Zigarren rauchte, und er hat den Krieg gewonnen.“

Auch wenn diese Äußerung den nachdenklich stimmenden Befund nahelegt, dass überall, wo Zeman und Alkohol sich treffen, Hitler nicht weit ist: In der Sache ist das korrekt.

Immerhin heißt die Prestige-Cuvée des Champagnerhauses Pol Roger nach dem britischen Kriegspremier, wohingegen nach Adolf Hitler nur ein notorisches, in grenznahen Tankstellen vertriebenes italienisches Rotweingschlader heißt.
Und an dieser Ordnung der Dinge wollen wir auch nicht rütteln.

Wir finden aber, dass man nicht unbedingt gleich einen Weltkrieg führen muss, damit ein Getränk nach einem benannt wird. Hingebungsvoll burleskes Betragen in prominenter Funktion sollte eigentlich reichen.  
2 cl böhmischer Slibovitz,
2 cl Becherovka-Likör,
4 cl Mährischer Muskateller,
1 ½ Messlöffel Powidl, aufgefüllt mit
20 cl tschechischem Pilsner:
Fertig ist der Cocktail „Bloody Milos“.