Die Prolo-Brauser als Luxus-Loser

Was ist Luxus überhaupt? Diese Frage ist vermutlich so alt wie die Menschheit.

Text von Thomas Maurer und Florian Scheuba 

Schlagersänger, Wintersportler und Fernsehmoderatoren pflegen darauf in Wochenendbeilageninterviews zuverlässig mit „Zeit!“ zu antworten, gerne auch mit der Spezifikation „Zeit für meine Familie“.

Dennoch macht es irgendwie einen Unterschied, ob die Familienmitglieder die Zeit, in der sie sich aneinander ergötzen, an einem mit fangfrischen Meeresfrüchten beladenen skandinavischen Designertisch auf der eigenen Villenterrasse zubringen oder unter einem lecken Dach um eine kalte Dose Inzersdorfer-Ravioli geschart.

Bis auf Weiteres wird also auch materieller Luxus sich einer gewissen Nachfrage erfreuen. Und eine fast klassische Ikone des materiellen Luxus ist der Schaumwein.
Auch Supermarkt-Sonderangebots-Sekte um € 2,99 vermochten dieses Image bisher nicht nachhaltig zu erschüttern, was durchaus bemerkenswert ist, weil ja z. B. ein dreirädriger Plastik-Rolls-Royce mit Rasenmähermotor das elitäre Markenbild vermutlich doch beschädigen würde.

Dieser ikonographischen Strahlkraft verdankt sich wohl auch die Initiative der österreichischen Sozialdemokratie, statt Vermögen einfach Sekt zu ­besteuern.
Parteihistoriker mögen dabei noch an die im Wien der Zwischenkriegszeit eingehobenen „Breitner-Steuern“ gedacht haben, für die damals mit dem ­berühmten Plakat geworben wurde, auf dem eine markige rote Faust, zum jähen Schreck eines feisten Frackträgers und dessen lasziver Damenbegleitung, eine Flasche aus einem Sektkübel reißt.
Heutige österreichische Kapitalisten würden sich dadurch vermutlich nur noch an für ihre Weinvorräte verheerend verlaufene Privatbesuche des früheren Bundeskanzlers Gusenbauer erinnert fühlen. Damals aber machten diese Steuern – die neben Sekt auch Pelzmäntel, Autos, Boxkämpfe (!) und Kabarettbesuche (!!!) trafen – zeitweise bis zu einem Drittel der Wiener Gemeindeeinnahmen aus und so die glorreiche Epoche des klassischen Wiener Gemeindebaus überhaupt erst möglich.

Mit den Einnahmen aus der aktuellen Sektsteuer wird sich zwar vermutlich nicht einmal die Sanierung der Parlamentskantine finanzieren lassen, aber Politik ist eben immer auch symbolisch und daher oft einmal irrational.

Und so ist es nur logisch, dass die Wiedereinführung der Sektsteuer auch im Zentralorgan der irrationalen Symbolpolitik, der Kronen Zeitung ­also, kommentiert wurde.
Allerdings nicht ganz so, wie es sich die Architekten der Abgabe, mutmaßlich auf Lob für diese gegen „die da oben“ gerichtete Maßnahme spitzend, erhofften.

Dem Krone-Urgestein Kurt Seinitz scheint im Gegenteil ein Mordstrumm von Reblaus über die Leber gelaufen zu sein.

Von der „Mottenkiste des alten Klassenkampfes“, aus der diese Steuer geholt worden sei, ist in seinem Kommentar die übellaunige Rede, und auch mit einem, nun ja, originellen Argument dagegen wird aufgewartet: „Heute ist die urinfarbende Brause längst kein Standessymbol mehr.“

Genau. Wer so was trinkt, der isst vermutlich auch schlatzige Fischföten (Kaviar) und von Schweinen ausgegrabene, verrunzelte Stinkschwammerln (Trüffel).

Und zöge sich so prompt den überlegenen Hohn Kurt Seinitz’ zu: „Die wirklichen Herrschaften haben schon längst zehnmal teurere Prestigetropfen entdeckt: Barolo, Brunello, Amarone und andere rote Gaumenschmeichler.“

An dieser Stelle anzumerken, dass in der wirklichen Welt Top-Champagner immer noch deutlich teurer sind als Top-Barolos, wäre kleinlich und auch sinnlos, denn ab hier gerät Seinitz argumentativ endgültig ins Torkeln. Bitter verlacht er die Regierung, und zwar deshalb: „Sie belastet den billigen Prolo-Sekt mit einer lächerlichen Bagatelle-Steuer, anstatt beim ‚Roten‘ richtig abzukassieren.“

Luxussteuer auf Rotwein wäre also die Antwort.

Ah ja. Für Rosé könnte man dann ja vermutlich einen ermäßigten Steuersatz vereinbaren.

Oder man setzt bei der nächsten Fiskalreform doch gleich beim obersten Luxusgut an: Sondersteuern auf die mit der Familie verbrachte Zeit.