Gast-Nackt-Gschnas

Das Interesse am Anblick unbekleideter Artgenossen dürfte eine anthropologische Konstante sein.

Warum sonst hätten sich seit Anbeginn der Kultur die leitenden Kader nahezu aller Religionen solche Mühe gemacht, genau dieses Interesse zu brandmarken, zu unterdrücken und überhaupt aus der Welt zu schaffen?

Und eigentlich hatten wir vor, auch ­dieser Kolumne dadurch gesteigerte Aufmerksamkeit zu verschaffen und besondere Würze zu verleihen, indem wir sie splitterfaserpudelnackert verfassen.

Ja, da haben Sie jetzt echt was verpasst.

Von diesem Plan abgebracht hat uns letzt­lich eine Kombination mehrerer Gründe: das für August ungewöhnlich kühle Wetter, die Tatsache, dass die als Arbeitssitzplätze ausgewählten Gartenstühle unbekleideten Hinterbacken ärgerlich haltbare Waffelmuster einzuprägen drohten, sowie der Umstand, dass der Plan an sich einigermaßen hirnverbrannt war.

Und apropos: Unlängst stolperten wir in der „Presse“ über folgende Meldung: „Nackt-Restaurant in Paris geplant – In der französischen Hauptstadt soll bald ein Restaurant eröffnen, in dem die Gäste unbekleidet speisen. Es würde sich um das zweite Nackt-Restaurant in Europa nach einem in London handeln.“

Nun kann man ja verstehen, dass Paris, die verdiente Welthauptstadt des „Oh, là, là“, sich diesbezüglich nicht ausgerechnet der britischen Schlechtwettermetropole geschlagen geben will.

Und natürlich leuchtet der eine oder andere Vorteil unmittelbar ein: In die Hummer-Consommé getunkte Seidenkrawatten sind in einem solchen Etablissement ebenso wenig zu gewärtigen wie durch Portweinflecken zu Putzfetzen zwangsdegradierte Prêt-à-por­ter-Kreationen.

Und auch die Möglichkeit, nach dem – selbstverständlich ohne flächendeckendes Trenzbatterl vollzogenen – Genuss einer Krustentierplatte statt der obligaten Fingerschälchen gleich angenehm temperierte Zitruswasser-Becken zum Hineingleiten zur Verfügung zu haben, ist verlockend, wenn auch der Bericht diesbezüglich keine Andeutungen enthält.

Allerdings ist auch der Einwand von Yves Leclerc, seines Zeichens Vizepräsident des französischen Nudistenverbandes, durchaus nach­vollziehbar: „Ich sehe keinen Sinn darin, bekleidet durch eine Stadt zu fahren, um mich dann in einem Restaurant auszuziehen.“

Auch wir, die wir keinerlei Nudistenämter, ähm, bekleiden, stellen es uns gewöhnungsbedürftig vor, bei der Reservierung auch gleich „Kästchen oder Kabine“ angeben und dann, bekleidet mit nichts als dem Schlüssel-Armband, vor Betreten des Speisesaals Dusche und Desinfektions-Fußbrause benutzen zu müssen, ehe uns auch nur ein Aperitif angetragen wird.

Zumindest hoffen wir ein wenig, dass im Nacktrestaurant solche Usancen gepflegt werden, drohen doch sonst Dialoge wie: „Garçon, der Herr am Nebentisch korkt.“ „Ich kann Sie beruhigen, Monsieur, das ist nur eine ganz leichte Nachgärung.“

Ebenfalls heikel stellen wir uns die Speiseempfehlungen vor: „Für die Dame vielleicht die Wachtel auf Spinat mit Dörrobst? Und für den Herren die glasierte Hühnerbrust mit wachsweichem Ei?“

Und wo wir schon dabei sind, stellen wir uns noch einen ganzen Haufen weiterführende Fragen:

Agiert das Personal eigentlich ebenfalls nackt? Auch der Mann oder die Frau an der Fritteuse? Oder müssen die, um erkennbar zu bleiben, als Einzige irgendwas anhaben, und sei’s ein Turban oder eine Pfauenfeder? Wie verhindert man, dass zahlende Gäste sich in körperlichen Details von trinkgeldabhängigen Servierkräften beschämt und provoziert fühlen?

Und wie demonstriert man als Gast den eigenen, hart erarbeiteten Wohlstand? Durch ostentativ zur Schau gestellte Personal-Trainer-Bemuskelung? Durch brillante japanische Meistertätowierungen mit einem Quadratzentimeterpreis von mehreren Hundert Euro? Oder, quasi klassisch, mit erlesenem Intimgeschmeide aus den führenden Juwelierläden der Welt?

Wir jedenfalls gehen jetzt auf ein Würstel. Angezogen. 

 von Florian Scheuba und Thomas Maurer