No Future

Im Grunde war ich immer für die Zukunft. In Kindertagen blätterte ich fasziniert in den Hobby-Heften älterer Cousins und freute mich auf all die Rucksackhelikopter und Magnetschwebeautos, deren Serienreife durch eine glückliche Fügung ungefähr für den Zeitpunkt prognostiziert wurde, wenn ich alt genug für den Führerschein sein würde.In meinem Bücherregal finden sich heute noch meterweise Werke von Stanislaw Lem, Kurt Vonnegut jr. oder Neil Stephenson; ich wäre prinzipiell jederzeit für die Einführung des Beamens oder wenigstens der Kernfusion und würde selbstverständlich auch die Serienproduktion von Haushaltsrobotern begrüssen, recyclebaren natürlich, auf Solarbasis und aus kompostierbaren Komponenten.

Das macht mich offensichtlich zu einem Mann von Gestern, einem rührenden Relikt des zwanzigsten Jahrhundert.Zumindest ziehe ich diesen Schluss aus der enttäuschend mageren Resonanz, welche die jüngst gemeldete Entdeckung eines erdähnlichen Planeten durch Astronomen der University of California fand. Ich hätte doch mit eigenen Doppelseiten und TV-Features gerechnet, wo irgendwelche Experten über das mögliche Aussehen des dortigen Lebens spekulieren und dazu Archivberichte über Experimente mit geschlossenen Hi-Tech-Ökosystemen zur Eroberung fremder Welten exhumiert werden.
Früher wäre das so gewesen, heute offenbar nicht mehr.

Dass der Planet mit "Gliese 581g" einen eher unsexy Namen hat, mag zum spärlichen Echo ebenso beigetragen haben wie die Tatsache, dass er knapp über zwanzig Lichtjahre entfernt ist, aber das allein kann es wohl nicht sein.

Selbst im Online-Forum der Bild-Zeitung, die immerhin klassisch mit Endlich! Zweite Erde entdeckt! ...können wir sie besiedeln? schlagzeilte, findet sich weder Aufbruchsstimmung noch die erwartbare, Sarrazin-inspirierte Forderung, beim Kolonisieren keine Türken mitzunehmen, damit sich nicht Gliese 581g, kaum entdeckt, auch gleich wieder abschafft.
Stattdessen gratuliert die Mehrzahl der Poster dem Planeten dazu, weit entfernt und daher vor dem Ruinieren durch den Menschen geschützt zu sein.
Der Kulturpessimismus ist also, kann man festhalten, inzwischen alles andere als eine elitäre Bastion grüblerischer Intellektueller, vielmehr trauen sich offenbar die Leute aus Erfahrung selbst nicht mehr über den Weg.

Als Film- und Literaturgenre wird die Science Fiction aber wohl weiterleben, nicht obwohl, sondern weil der Fortschrittsglaube auf der Roten Liste steht.
Die Natur wurde ja auch erst romantisch, als die Industrialisierung sie aufzufressen begann; ähnliches blüht vermutlich der unbegrenzen technologischen Machbarkeit. Vielleicht werden ja unsere Enkel einmal in der Kinopremiere von Star Treck Teil 23 sitzen und gerührt seufzen: "Schau, die Zukunft. Süß, irgendwie."