Die Reifeprüfung

Scheuba und Maurer haben zwar in der Schule offenbar nicht einmal anständig zählen gelernt, reden aber in der Bildungsdebatte natürlich trotzdem mit Wir klagen an!

Und zwar Sie. Ja, genau Sie, schaun Sie nicht so fragend. Und Sie auch. Sie alle. Sie alle haben nämlich mit keinem Wort, keinem Glückwunschtelegramm, keinem Geschenkekorb darauf reagiert, dass wir in der letzten Ausgabe unsere fünfzigste Kolumne veröffentlicht haben. Zugegeben, wir haben das auch erst nachträglich und eher zufällig mitbekommen, aber wir sind auch Künstler!

Wir brauchen keinen Kopf für Daten und Fakten! Unsere Kreativität duldet keine kleinliche Erbsenzählerei! Aber von Ihnen hättten wir uns schon ein bisschen mehr erwartet. Nein, nein, jetzt brauchen Sie auch nicht mehr reagieren. Das würde ein wenig so wirken, als würden wir um Aufmerksamkeit gebettelt haben, nein, danke, bemühen Sie sich nicht, vorbei ist vorbei. Als kleinen Ausgleich haben wir beschlossen, uns selbst etwas zu schenken. Konkret möchten wir uns den allen satirischen Autoren tief eingewurzelten Wunsch erfüllen, mit einem Text eine Lawine empörter Leserbriefe loszutreten.

Das ist in einer dem gehobenen Völlern gewidmeten Fachzeitschrift wie dem Falstaff natürlich ungleich schwieriger als sonstwo, ist doch die Leserschaft mehrheitlich durch verfeinerten Genuss pazifiziert und reagiert häufig auch auf Dinge, die sie ablehnt, lediglich mit einem abgeklärt behaglichen, das gleichzeitige Nachschenken des Weinglases akkordierenden Seufzer. Tatsächlich ist es uns im Laufe unserer fünfzigfachen Kolumnistentätigkeit erst zwei mal gelungen,  ein Aufreger-Thema zu finden: Einmal ging es um die Vorhaut Jesu Christi, das ander Mal um Leo Hillinger.

Denkbar unterschiedliche Gegenstände, deren Provokationspotential uns auch unterschiedlich stark überrascht hat. Daher wollen wir diesmal auf Nummer Sicher gehen und ein Thema wählen, bei dessen öffentlicher Erwähnung jedesmal der Bär los bzw. Fritz Neugebauer von der Kette gelassen ist: Der österreichische Lehrer. Geplant wäre folgende Pointe gewesen: Liebe Kinder, der Text endet hier, wir gehen jetzt in die bezahlten Sommerferien und sehen uns im September wieder. Tja- Wir wollen die Lehrergewerkschafter unter Ihnen natürlich nicht davon abhalten, bereits jetzt geharnischte Protestschreiben an die Redaktion zu richten, aber leider konnten wir, wie Sie ja schon daran merken, dass hier etwas und nicht nichts steht, unseren Plan nicht umsetzen.

Der Verlag hat sich leider geweigert, unsere Sommerferien zu bezahlen, und damit ist irgendwie der Witz von dem Witz weg, finden wir jedenfalls. Ausserdem kommt bei Sommerferien-Lehrer-Witzen immer als erstes das Gegenargument: "Und die ganze Lehrerfortbildung? Darüber redet keiner!“ "Keiner ausser Maurer und Scheuba!" wird es wohl in Zukunft heissen müssen. Den was mussten wir kürzlich einer in Auszügen im Standard veröffentlichten OECD-Studie zu diesem Thema entnehmen?

Folgendes: Die Fortbildungsverpflichtung für Pflichtschullehrer habe dazu geführt, dass sich viele "fortbildungresistente Lehrer" in "Alibiaktionen" etwa "zum Wein- oder Käsesomelier ausbilden" lassen. Nun ist freilich nicht zu bestreiten, dass eine Ausbildung zum Käsesomelier pädagogisch äusserst nützlich sein kann, wenn es etwa darum geht, zu ermitteln, wer  es war, der böswilig sein Käsebrot hinter den Heizkörper im Turnsaal geklemmt hat. Und auch dagegen, dass die Weine, die von der Lehrerschaft zur Dämpfung des Burn-Out-Syndroms eingenommen werden, zumindest kundig ausgewählt sind, kann wohl nur ein ausgepichter Pädagogenhasser etwas haben. Allerdings ist es eine beunruhigende Perspektive, dass sich demnächst verstärkt Lehrer als Someliers wiederfinden könnten.

Empfindliche Seelen haben ja bei dieser Form des Bestellens schon bisher Prüfungsangst empfunden. Wenn  aber jener elitäre, höhnische und besserwisserische Menschenschlag, der sein natürliches Habitat in den Lehrerzimmern unserer Elitegymnasien hat, jetzt auch noch beginnt, Jahrgänge und Käseregionen abzuprüfen, dann Prost Mahlzeit. Immerhin müssen wir nicht befürchten, von Fritz Neugebauer beschieden zu bekommen, was wir alles nicht bekommen, obwohl es auf der Karte steht. Der ist gottseidank als Gewerkschafter von jeder vernünftigen Erwerbsarbeit freigstellt.