Lügen statt Labern

Immer wieder findet man sich aus beruflichem, familiärem oder sonstwie sozialem Zwang an einem Restauranttisch mit Menschen, die man nicht extra angerufen hätte, um Gesellschaft zu haben. Und irgendwo in der Runde sitzt immer Er: Der Volksbildner. Immer ist es ein Mann, immer ist er über vierzig und in einer sogenannten Führungsposition tätig, immer ist es die Weinkarte, die ihm als Trampolin dient: "No, schau, da gibt’s den Riesling Tausendeimerberg vom Lagler. Und das ist interessant, nämlich, wenn man sich einmal die Frage stellt, wo kommt denn so ein Name her, Tausend. Eimer. Berg? Interessant, nicht? No, zufällig weiss ich in dem Fall, dass die Riederiedidaradararabarabarhaberberrhabarberrhabarber und deshalb der Name Tausendeimerberg, nicht wahr?"

Natürlich hat man, um den Faselhans nicht im Affekt mit der Schneckengabel zu erstechen, während des Vortrags unter dem Tisch krampfhaft die Leinenserviette in Einzelfäden aufgezupft. Und natürlich lässt der Volksbildner umgehend den nächsten gelehrten Graupelschauer auf einen niedergehen: "Oder hier vom Rudi Pichler, der Riesling Kirchweg? Kirch. Weg. Interessant, oder? Da fragt man sich doch..."

Spätestens hier geht man aus Selbstschutz dazwischen: "Die Riede heißt so, weil der Rudi Pichler ursprünglich nicht Winzer, sondern Wertpapierhändler war. Und wie Ende der Neunziger die TV-Gruppe vom Leo Kirch in Finanzschwierigkeiten gekommen ist, hat er mit viel Geld gegen den spekuliert. Und dann, wie tatsächlich der Kirch weg war, mit dem Gewinn den Weingarten gekauft und ihn Kirch-Weg genannt."

Damit hat man dem Volksbildner einen Wirkungstreffer verabreicht; nun gilt es nachzusetzen: Nichts ist bekanntlich gefährlicher als ein angeschlagener Kämpfer. Hier also das Scheuba & Maurer-Kompendium für nutzloses Weinwissen ohne Wahrheitsgehalt:

Hill 1: Kaum jemand weiß, dass Leo Hillinger ein großer Fan der Bud-Spencer-und-Terrence-Hill-Filme ist und deshalb seinen ersten Wein "Bud 1" nennen wollte. Urheberrechtsstreitigkeiten mit dem Braukonzern Anheuser-Busch, der die Rechte an der Marke "Bud" hält, bewogen ihn aber zu einer Änderung dieses Konzepts.

Fass Vier:   Als Bernhard Ott seine ersten Erfolge feierte, war sein Keller häufig Übergriffen durch Diebe und neidische Nachbarn ausgesetzt. Der Befehl, den er seinem Bullmastiff namens "Vier" in diesen Tagen immer wieder zu geben gezwungen war, gab diesem Wein seinen Namen.

Salzberg: In der ersten Verliebt zwischen Gernot und Heike Heinrich vergriff sie sich, wie man es verliebten Köchinnen ja nachsagt, häufig beim Würzen der Suppe. Diese Cuvee erinnert heute noch an das damals häufig Aufgetischte.

Excalibur: Der Topwein aus dem Hause Taferner verdankt seinen Namen einem dort beschäftigt gewesenen Praktikanten, der die Sommerferien in Indien verbrachte und dort von einer Priesterin der Göttin Kali ermordet wurde. Zum Gedenken an den „Ex-Kali-Bua“ wurde dieser Wein herausgebracht; die Rechtschreibung passte man jedoch ans Hochdeutsche an.

Und sollte der Volksbildner an ihrem Tisch nach dieser Offensive immer noch röcheln können, versuchen Sie es mit der Wahrheit. Jüngst durften wir nämlich nicht nur den ausgezeichneten grünen Veltliner "Arszinger" vom Weingut Seher kennenlernen, sondern obendrein die wahre Geschichte der Riedenbezeichnung: Als Herr Seher dieses Stück Land zu erweben erwog, rieten ihm viele mit der rustikalen Begründung ab: "Des is Oasch". Zur Beschämung der Kritiker wollte Herr Seher die Ried "Oaschinger" taufen, erlitt aber in der Etikettendruckerei eine Konsequenzkrise und tarnte seine Absicht hinter elaborierter Schreibweise. So spielt das Leben, werte Leserschaft!

Und als Hausübung denken Sie sich jetzt bitte eine Geschichte zu folgendem Rheinhessischen Spitzenriesling aus: Oppenheimer Sackträger Großes Gewächs.

von Thomas Maurer und Florian Scheuba