Von Schwarten und Schinken

Ach, was waren das für Zeiten als man noch, wenn man was von Menschen geschenkt bekommen hat, die keine Ahnung hatten, worüber man sich freuen würde, als Mann noch einfach eine schiache Krawatte und als Frau ein miachtelndes Parfum überreicht bekam; Dinge also, für die man umgehend Dank heuchelte, ehe man ihnen einen Platz an der Rückwand eines hoch gelegenen und selten frequentierten Schrankfachs zuwies, von wo sie dann, einige Jahre später, emotionslos einem Frühjahrsputz zum Opfer fallen konnten.

Heutzutage aber bekommt man, und zwar wurscht ob man gern oder ungern oder gut oder schlecht oder überhaupt kocht, natürlich vor allem Kochbücher geschenkt.

Wir unterscheiden hier in 1) Gute Kochbücher, die man aber schon mehrfach hat und 2)völlig Sinnlose.

Doch weil eine bisher wenig thematisierte Spätfolge unser aller kultureller Traumatisierung durch den Nationalsozialismus darin besteht, dass man es einfach nicht über sich bringt, auch nur das deppertste und unnötigste Buch wegzuschmeissen, weil man sich dann gleich wie ein in den Scheiterhaufen geifernder Nazi vorkommt, gibt es in den Nachfolgestaaten des Dritten Reiches wohl keine einzige Bobo-Küche mehr, deren Regale nicht vor entbehrlichsten Kochbüchern strotzten.

Hier empfiehlt es sich nun, die entbehrlichen Kochbücher aus methodischen Gründen in zwei Hauptgruppen zu trennen.

Auf der einen Seite finden wir hier Werke, die fachlich eigentlich in Ordnung sind, aber aufgrund ihrer starren Fixiertheit auf ein eng umrissenes, im eigenen Alltag praktisch nie auftauchendes Thema ins Reich des Esoterischen abdriften: Hundert tolle Rezepte mit Kumquat etwa, Die chassidische Festtagstafel; Best of Plankton; Südostasiatische Insektenküche für Einsteiger oder Schwanenbratel und Gesottner Biber – Barocke Fastenspeisen aus der Klosterküche.

 Auf der anderen, und zwar weitaus umfangreicheren Seite finden wir entbehrliche Kochbücher, deren Unnötigkeit sich direkt und ungefiltert aus der ihnen wesensurtümlichen Eigenschaft ergibt, dass sie, nun ja, unnötig sind.

Und hier wieder gehören die unzähligen Zu-Gast-bei-Rossini/Mozart/Nietzsche/Kafka/Wittgenstein/Rothko/ Hawking noch zu den einleuchtenderen Unnötigen. Die liegen halt zumindest auf dem Couchtisch, damit die Glasplatte nicht so schnell staubig wird.

Aber jenseits des Normalunötigen gibt es dann noch etwas, wo man sich dann schon fragt.

Man muss gar nicht erst Werke wie  Ja zum Jo-Jo-Effekt - Das Barbara Karlich-Kochbuch erfinden oder sich Reihen wie Essen fassen! – Truppenverpflegung rund um die Welt ausdenken, hat doch die Wirklichkeit ohnehin jedemenge abgründige vermeintliche Scherze auf Lager.  Zum Beispiel Die Triathlon-Küche – 50 Topathleten verraten Ihre Lieblingsrezepte oder Das Vollweib-Kochbuch von Christine Neubauer oder Abgefahren Aufgekocht – Kulinarisch durch den Schi-Weltcup mit Michael Walchhofer.

Möglicherweise liegt ja diesem Phänomen so eine Art ins metaphysische sublimierter Kannibalismus zugrunde, die Hoffnung dass, ähnlich wie sich vermutlich unsere Ahnen beim Verzehr des Nachbarn dessen Kräfte aneignen wollten, sich zumindest die Verleger der Hoffnung hingeben, irgendwo da draussen seien Menschen, die irgendwo im unbewussten Bodensatz ihrer Persönlichkeit die Hoffnung hegen, durch Nachkochen Herrn Walchhofers Fähigkeit zum schnellen Schifahren oder Frau Neubauers Fähigkeit zum unbegründeten Berühmtsein zu erwerben.

Aber offenbar funktioniert das aus irgendwelchen Gründen nur in einer Übertragungsrichtung, nämlich hin zum Kochen.

Der umgekehrte Fall – dreiste Kompetenzanmassung vom Kulinarischen weg - ist bisher offenbar noch nicht aufgetreten. Runnig Man – Christoph Wagners kleine Fibel für Ausdauersportler fehlt am Markt ebenso wie Wolfram Siebecks Einkaufstipps für Baumarktprofis, Bowling mit Bocuse oder Der Tractatus Logico-Philosophicus mit einem Nachwort von Leo Hillinger.

Nicht, dass wir uns sowas zu Weihnachten wünschen würden.

Viel sinnvoller als Das Grosse Florian-Silbereisen-Unterwasserkochbuch wär das auch nicht. Dann schon lieber zum achten Mal den grossen Plachutta. von Thomas Maurer und Florian Scheuba www.falstaff.at www.florianscheuba.at