Sterntaler

Im Grunde sind wir ja beide vom Erfolg korrumpierte Neo-Wertkonservative, und deshalb finden wir es eigentlich sehr beruhigend, zur Abwechslung einmal von einem Wirtschaftsunternehmen zu hören, das nicht deswegen in die Bredouille geraten ist, weil irgendwelche zackigen Jungspunde eine Fantastilliarde Taler mit Finanzderivaten pulverisiert haben, sondern auf die traditionelle, momentan aber in ihrer erfrischenden Normalität beinah revolutionär anmutende Weise: Einfach weil sich nicht genug Leute gefunden haben, die das Produkt kaufen wollten.

Dass es so was heutzutag’ überhaupt noch gibt! Wir schämen uns der frohen Tränen nicht, die uns die Meldung vom Ende der Österreich-Ausgabe des Guide Michelin in die Augen getrieben hat. Nicht, dass wir dem Guide Michelin an sich Böses gewünscht hätten, aber das rührend Altmodische seines Scheiterns geht einfach ans Herz: Es ist ein wenig, als fände man plötzlich einen Elektronikhändler, der einem anbietet, ein kaputtes Gerät einfach zu reparieren; ein wenig wie ein Gruß aus einer versunkenen Zeit.

Dass derzeit über eine Rettung des Unternehmens mit Steuergeld diskutiert wird, ist da natürlich ein kleiner Wermutstropfen, aber vermutlich schlicht dem Zeitgeist geschuldet: Man fühlt sich ja heute als Unternehmen ohne Steuergeldzuschuss schon ein bisschen wie ein Restaurantgast, der vom Servierpersonal eisern ignoriert wird, während ringsum alles bis zum Anschlag schlemmt. Dass also Wirtschaftsminister Mitterlehner bereits in Paris ein Gespräch mit dem Michelin-Direktor Jean-Luc Naret geführt hat, welches diesen hinsichtlich einer Wiederauferstehung des Guide "sehr zuversichtlich" stimmte, geht durchaus in Ordnung. Vor allem weil dann wohl auch in naher Zukunft der Gault-Millau, der Tafelspitz, der Falstaff-Gourmet-Guide, der A la Carte-Führer und die Krone-Rubrik "Was koche ich heute" mit Staatsknete rechnen dürfen.

Außerdem ist es natürlich menschlich und psychologisch sehr zu begrüßen, dass durch eine eventuelle Michelin-Rettung auch all jene österreichischen Spitzenköche, die seit Jahren auf den zweiten oder dritten Stern hinarbeiten, nicht, in ein bodenloses seelisches Loch fallen. Momentan geht es diesen armen Hunden ja wie hochmotivierten Olympiateilnehmern, deren Bewerb genau dann, wenn’s spannend wird, wegen Insolvenz des Internationalen Olympischen Komitees abgebrochen wird. Und weiters steht zu hoffen, dass es Herrn Mitterlehner im Zuge der Verhandlungen um einen staatlichen Auflagen-Stützungskauf gelingt, ein föderalistisches Proporzsystem auszuhandeln, das jedem Bundesland einen Drei-Stern-Betrieb sowie eine proportional zur Bevölkerung ermittelte Zahl von Zweisternern garantiert.

Bleibt nur noch die Frage: Was soll mit den von der Bundesregierung erworbenen Österreich-Michelins geschehen? Soll man sie einfach in den voraussichtlich noch länger verfügbaren Leerkubaturen des Skylink-Terminals in Schwechat zwischenlagern? Eine Kooperation mit Außendienstmitarbeitern der Zeitschrift "Augustin" anstreben? Das Werk palettenweise dem Wachauer Hochwasserschutz zukommen lassen? Die Bücher einzeln unter dem Motto "Kampf dem wackligen Tisch" Gastronomiebetrieben zur Stabilisierung ihres Mobiliars zukommen lassen?

Oder doch die Bücher zu Holzkohle verschwelen und mit dieser Holzkohle jährlich einen unter Patronanz aller neun österreichischen Dreisternköche stehenden  Promi-Grillevent anlässlich des Erscheinens der neuen Auflage ausrichten?

Man wird sehen. Fest steht aber, dass wir beide spätestens 2010 ebenfalls auf den österreichischen Gastroführermarkt zu preschen gedenken. Und zwar mit dem brandneuen Guide Semperit Wegen eventueller Stützungskäufe kann sich Herrr Mitterlehner aber gerne jetzt schon an uns wenden.

von Thomas Maurer und Florian Scheuba