Zum Lachen geht man nicht mehr in den Keller. Sondern zum Erleben.

Text von Florian Scheuba und Thomas Maurer

Wer einen Weinkeller hat, kann ohne Frage was erleben. Wir erinnern uns u. a. an: ein bis in die Zentralbrigittenau vorgedrungenes Donauhochwasser; einen Einbruchdiebstahl, dem ausgerechnet die zum sorgsamen Hüten zusammengestellten Flaschen der Jahrgänge 97 und 99 zum Opfer fielen; ein unter der Last der Jahre zusammenbrechendes Holzregal nebst Kollateralschäden; Schimmelbefall von alttestamentarischen Ausmaßen; Schlamperei und Sauwirtschaft, die das gezielte Auffinden einzelner Flaschen unmöglich machen.

All diesen Erlebnissen ist gemeinsam, dass wir sie lieber nicht gehabt hätten. Keller, so unsere unausgesprochene Grundübereinkunft, sollten so langweilig, zuverlässig und ausgeglichen temperiert sein wie liechtensteinische Briefkastenfirmenverwalter.

Das Konzept des „Erlebniskellers“ traf uns daher einigermaßen unvorbereitet.

Wir stellten uns unter „Erlebniskeller“ zunächst einmal buntfarbig beleuchtete Entertainment-Vorhöllen vor, in denen arbeitslose Absolventen privater Musicalakademien und bei „Die große Chance“ abgeblitzte, überwuzelte Nachwuchstalente verkleidet als Hefe, Säure oder Weinstein auftreten und mehrstimmige Couplets über ihr aufregendes Berufsleben schmettern: „There’s kein business like wine business!“

Wer braucht so was?

Zugegeben, wir absolvierten beide zu Leopoldi den obligatorischen Klassenausflug nach Klosterneuburg samt Fasslrutschen, aber was bitte soll man als erwachsener Weintrinker im Keller erleben, abgesehen von dem natürlich, was sich im Glas so abspielt?

Und doch gibt es sie. Zumindest wurde diese Behauptung unlängst in der Presse am Sonntag aufgestellt. Dort wurde punkto Weinwelt zwar auch nur das Loisium nebst steirischer Dependance genannt, daneben aber immerhin noch ein auf Waldviertler Whiskey ausgerichtetes „Brand Land“, das neben einem „keltischen Lebensbaumkreis“ sogar einen „Druidenspielplatz“ aufweist, was gut zu wissen ist, falls man sich einmal einer Druidenfamilie als Babysitter angeboten hat und nicht weiß, womit man die Fratzen beschäftigen soll.

Wenn man der Presse am Sonntag glaubt, wird sich der Trend zum Erlebnis fortsetzen und Wein ohne Erlebnis einfach keinen Markt mehr haben. Vielleicht muss ja Manfred Tement seine Gäste demnächst mit dem Erzherzog-Johann-Jodler begrüßen, Bernhard Ott Akrobatikeinlagen auf dem Einrad vollführen und Leo Hillinger Beauty-Peelings aus Traubentrester auflegen.

Auf den ersten Blick in keinem Zusammenhang mit diesem Trend steht die folgende Meldung, die wir der Kronen Zeitung entnehmen durften: „Durstige EU: Eurokraten horten 47.000 Weinflaschen im Keller!“ Das dazugehörige, mit „Solche Weinkeller gibt es in Brüssel viele: Die EU-Institutionen lagern insgesamt 47.000 Flaschen ein“ untertitelte Foto zeigt aber originellerweise keine einzige Flasche, sondern einen historischen Fasskeller von gewaltigen Ausmaßen.

Aber, so schwant es dem gelernten Krone-Leser wohl, der typische Eurokrat vertilgt schon einmal einen Barrique zum Mittagessen, solange nur der vom Eurokraten obendrein verachtete kleine österreichische Steuerzahler die Rechnung präsentiert bekommt.

Und das wiederum schreit förmlich nach einer ganz besonderen Erlebniswelt: Krone-Leser werden – natürlich nicht mit dem Flugzeug, sondern mit alten, unbequemen Reisebussen, um schlechte Laune und allgemeine Zukurzgekommenheitsgefühle anzufachen – nach Brüssel gefahren. Dort können die Erlebnistouristen zunächst ihre Wut an eigens gefertigten, dem klassischen Prater-Watschenmann nachempfundenen EU-Bonzen-Puppen abreagieren, sich dabei über ­angebliche Brüssler Fasskrümmungsverordnungen ­alterieren und anschließend (im Preis inbegriffen) ein, zwei von den 47.000 Eurokratenflaschen selbst konsumieren.

Ein Erlebnis sollte unter diesen Umständen allemal drin sein. Ein schöner Rausch ebenfalls. Und mittelfristig vielleicht sogar ein erster Schritt, das Krone-Publikum mit der EU auszusöhnen.