Ein Sternekoch, der Deinen Namen trägt

 

Mit dem Essen ist es auch nicht anders als mit allem anderen.

Text von Florian Scheuba und Thomas Maurer

Es ist das gute, gediegene Mittelfeld, das den Alltag prägt und folgerichtig herzlich uninteressant ist. Mit Mitteilungen wie: „Ich hab gestern Wurstnudeln gemacht“ ist schlecht Eindruck schinden. Mit: „Ich hab mir gestern ein nordthailändisches Wachsmadencurry gekocht“ oder: „Jetzt hab ich einmal wirklich eine von diesen Gourmet-Hausmannskost-Plastikmikrowellentatzen daheim aufgewärmt: Frage nicht!“ hingegen kann man ein Auditorium ebenso elektrisieren wie mit einem Bericht über ein 16-gängiges Molekularmenü aus dem „El-Bulli“-Kochbuch, nebst exakter Schilderung der Fachgeschäfte für Industriebrenner und wissenschaftlichen Laborbedarf, die man dafür abgrasen musste. Es sind die extremen Pole, die Glamour haben.

Logisch also, dass der Wunsch, als souveräner Meisterkoch zu glänzen, mittlerweile fast so verbreitet ist wie der, einen makellosen Bauchmuskelsixpack aufzuweisen oder mit enzyklopädischer Bildung zu prunken.

Leider scheitert dieses wie jenes häufig, und zwar aus ähnlichen Gründen: Man hätte halt beizeiten anfangen müssen, Situps zu machen, dicke Bücher zu lesen oder kochen zu lernen.
Doch wie es mit dem Wünschen halt ist: Besseres Wissen fruchtet nicht dagegen. Und das eröffnet Marktchancen für maßgeschneiderte Produkte; für „Best of Weltliteratur“ oder „Quantenphysik für Gestresste“ ebenso wie für per Teleshopping vertriebene Infrarot-Wundergürtel, die einem ein gusseisernes Bauchmuskelrelief verpassen, während man auf der Couch aufgebahrt facebookt. In Küchendingen stand man als Laie bisher vor der Alternative entweder nur Leute einzuladen, die vom Essen echt keine Ahnung haben, oder heimlich einen kleinwüchsigen asiatischen Weltklassekoch zu engagieren, der sich, wenn Gäste in die Küche kommen, umgehend im Geschirrspüler versteckt.

Aber auch hier winkt Abhilfe. Das Unternehmen Le Foodink bietet etwa neuerdings gemeinsam mit Peter Zinter, dem ausgezeichneten Koch des Restaurants Vincent, unter dem Namen „Kochbox“ ein Produkt an, das die Quadratur des oben beschriebenen Problemkreises verheißt: „Meisterliche Mehrgangmenüs für Zuhause – ohne Einkauf und Hirnschmalz, für bequeme Köchinnen und Köche“.

Wie das im Detail aussehen wird, war zu Redaktionsschluss noch nicht auszuprobieren, aber die Hoffnung lebt, dass man endlich daheim das frenetische Lob seiner Gäste mit ruhiger Bescheidenheit zurückweisen und erklären kann, dass man den Saiblingsleber-Timbal mit Safranflusskrebsen doch bloß schnell zusammengeschustert habe, während man den Kindern bei der Hausübung geholfen hat, und dass so ein Dreierlei vom Angusrind mit getrüffeltem Dotterraviolo sich quasi von allein kocht.
Ist man darauf erst einmal angejunkt, wird man wohl irgendwann die Dosis steigern. Mit anderen Worten: Man ist sicherer Kandidat für das Angebot „Werden Sie Haubenkoch für einen Tag“, mit dem das Wiener Restaurant Amarantis wirbt: „Zaubern Sie, gemeinsam mit dem renommierten Küchenchef Thomas Wohlfarter, ein individuelles Menü für Ihre Gäste. Erleben Sie live die hohe Qualität der Produkte, die gekonnte Zubereitung und auch die Hitze und Lautstärke.“

Nachdem eigene Erfahrungen mit dem Mitkochen in Spitzenbetrieben den Schluss nahelegen, dass man bei einer eintägigen Dienstzeit schon froh sein kann, wenn man nicht immer allen ausschließlich nur im Weg ist, könnten wir uns vorstellen, dass die kulinarischen Zauberlehrlinge nicht nur punkto Lautstärke, sondern auch punkto sprachlichem Würzegrad mehr als nur auf Ihre Kosten kommen dürften.

Doch das Erlebnis, nach dem Menü mit lässig in den Nacken geschobener Kochmütze an einen Tisch ehrfurchtsstarrer Bekannter zu treten, sollte das mehr als wert sein. (Das Wiener Allgemeine Krankenhaus arbeitet dem Vernehmen nach bereits am Projekt „Starchirurg für einen Tag“)

Der Höhepunkt dieser Entwicklung wäre es freilich, wenn man sich ein von einem binnen eines Tages ausgebildeteten Meisterkoch fabriziertes Halbfertiggalamenü nach Hause liefern lässt und es dann Gästen serviert, die man davor bei einem Online-Service für professionelle Gastesser geordert hat.

Schließlich ist Applaus auch das Brot des Kochs.
Sogar, wenn er gar keiner ist.