Für sein Erfolgsprogramm "Àodìlì" und seine "inhaltlich anspruchsvolle und kontinuierliche Arbeit" (Jurybegründung) wird Thomas Maurer am 26.11. 2009 für  mit dem Österreichischen Kabarettpreis ausgezeichnet.
 

PRESSESTIMMEN:

 
DER STANDARD, Thomas Trenkler 12.3.2009  

Gigant der Gelassenheit als Globalitätsgewinnler Thomas Maurer brilliert als oberösterreichischer Schmalspuringenieur in seinem Kammerspiel "Aodili"  Linz.

Egal, ob er die Idee für Aodili erst seit den Olympischen Spielen 2008 in Peking oder, wie Thomas Maurer behauptet, schon viel länger hatte: Mit der Österreich-Version von Lost in Translation trifft der Kolumnist, Schauspieler und Kabarettist wieder einmal - nach dem Einpersonenstück "Die neue Selbständigkeit" - den Nerv der Zeit. Maurers Analyse der Regionalisierung als Reaktion auf die Globalisierung zu Beginn der Finanzkrise hatte nicht ohne Grund im Posthof von Linz Premiere:

Antiheld des nach aristotelischen Gesetzen brillant gebauten Kammerspiels ist ein Schmalspuringenieur, der im Mühlviertel lebt und nicht, wie sein Sohn, "auf Pro7" und daher trotzig im g'scherten Dialekt bellt. So auch am Airport von Peking, der mit einer Viererreihe Plastiksitze und einem ebenfalls orangen Mülleimer praktikabel symbolisiert ist: Sigi Gschwandtner berichtet seiner Frau am Handy, dass die Chinesen ihn nicht ausreisen lassen wollen, weil er gar nicht mehr da sei.

Einem Mann in Uniform, dessen Sprache man nicht spricht, begreiflich zu machen, dass man doch da ist: Das ist nicht so leicht. Der "Gastarbeiter" aus Aodili (wie Österreich auf Chinesisch heißt), der für einen derart komplexen Konzern tätig ist, dass die Mitarbeiter gar nicht wissen, ob die Tochtergesellschaft an die Konkurrenz verkauft oder mit dieser fusioniert wurde, hat dennoch die Gemütsruhe weg: "Wenn du es eilig hast, gehe langsam" , sagen die Chinesen. Und er als Oberösterreicher sei "ein Gigant der Gelassenheit". Gschwandtner wird im Dialog mit sich selbst beziehungsweise mit einem Chinesen (Joey Chen), der immer nur "Sorry, no English" sagt, zur Erkenntnis gelangen, dass die Lebensweisheiten da wie dort die gleichen sind.

Die zentrale lautet, auch wenn Gschwandtners Opa - ein Wirt, der sein großes Geschäft mit dem KZ-Mauthausen-Tourismus machte ("das hat er den Nazis zu verdanken" ) - es etwas anders formulierte: "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral."  Für den nur auf seinen eigenen Vorteil bedachten Alltagsfaschisten des 21. Jahrhunderts bedeutet die Weisheit von Bertolt Brecht: Humanitäre Bedenken zu negieren und aus China einen Container mit USB-Sticks zu exportieren. In einem Arbeitslager hergestellt, waren sie nämlich äußerst preiswert. Schließlich zählt das Wohl der Familie: Gschwandtner kaufte mit seinem Schwager einen Hof mit 40 Hektar Grund in entrischer Lage. Dieser sei - im Gegensatz zu Aktien - eine Altersvorsorge mit Hand und Fuß. Nun sei er, abseits vom Schuss, autark.

Auch wenn es für Gschwandtner darum geht, die Zeit totzuschlagen: Aodili (Regie: Petra Dobetsberger) ist keine Sekunde fad. Ganz im Gegenteil: Maurer garniert den Seelenstriptease mit witzigen Anekdoten aus China. Da bleibt kaum Zeit, die Brutalität, die Bösartigkeit des Stücks zu realisieren.  TT   

 

Die Presse: 

Thomas Maurer: Die Chinesen sind auch nur Leute  16.03.2009

"Àodìlì", ein so geistreicher wie lustiger Monolog von und mit Thomas Maurer. Er gibt in seinem Programm den Techniker Sigi Gschwandtner, einen Mühlviertler in China. Eineinhalb Stunden im Warteraum des Pekinger Flughafens. Status: ungewiss. Kommunikationsmöglichkeiten: ein Mobiltelefon und ein Chinese, der weder Englisch noch Mühlviertlerisch spricht. Im Gegensatz zu Thomas Maurer: Er gibt in seinem Programm „Àodìlì“ den Techniker Sigi Gschwandtner, einen Mühlviertler in China. Als dieser spricht er das raue Idiom dieses rauen Viertels Oberösterreichs, und zwar fast perfekt. Nicht nur für Wiener Ohren: Linzer bestätigen es.
Thomas Maurer beweist also abermals seine Musikalität, seinen Sinn für feinste Sprachfärbungen, vom maulfaulen Höflichkeitsdialog am Handy ("Du, jo, eh so weit. Söba?" – "Passt.") über die Spruchweisheit ("Schau ma amal, dann wer' ma sehn") bis zur treffsicheren Metapher ("Da schaut er wie der Ochs, wenn's blitzt"). Da verzeiht man ihm sogar ein paar etwas billige "Austrian-English"-Passagen.
Gom bui! Prost! Gan bei!

"Àodìlì" ist Chinesisch für Österreich, das weiß Gschwandtner nach fünf Jahren Gastarbeiterdasein, und er weiß auch, wie man „Prost!“ sagt und dass die Chinesen "harte Hund', aber lustig" sind. Er hat ein Stück fremde Heimat gefunden und die Erkenntnis: "Die san net so, weil s' Chinesen san; die san so, weil s' Leit' san."
Gemütlich also, pragmatisch und gern bei Tisch, Beziehungen pflegend, auf den eigenen Vorteil bedacht, aber im Grunde gutmütig. Leute eben, Menschen, ganz ähnlich wie der Wirt daheim und seine Gäste, dass sie lieber sauer-scharfe Suppe essen als Erdapfelkäs', daran gewöhnt man sich schon. Maurer erliegt nie der Versuchung, seinen Gschwandtner und dessen Menschenbild zu verhöhnen, ein Monster zu „entlarven“. Nein, dieser Techniker würde von sich aus nie etwas tun, was anderen schadet, aber da sind halt die wirtschaftlichen Zwänge, wenn man selber ein Geschäft nicht macht, dann macht's ein anderer, man kann sich ja auch nicht um alles kümmern. Außerdem: "China is ja des einzige Entwicklungsland, das sich nicht von uns auszuzeln lasst, der Chines' zuzelt z'ruck!" Und sei es nur durch den Verkauf einer doch nicht so ganz funktionierenden Uhr.

Joey Chen ist Maurers (beinahe) stummer Gesprächspartner. Wie er ihn mit einer Mischung aus Mitleid, Interesse und Amüsement beim Absingen der oberösterreichischen Landeshymne auf Chinesisch ansieht, das zählt zu den komischsten und rührendsten Momenten, die man im Kabarett erleben kann. tk

 

Premierenkritik: kabarett.at, Peter Blau

The world according to a Mühlviertler Gastarbeiter in China: "Wenn dir die Wödgschichte üban Schädl radlt, musst schaun wosd bleibst."

Um die naheliegendste Frage vorweg abzuhaken: "Àodìlì" ist die chinesische Bezeichnung für Österreich.

Und noch rasch ein Hinweis für Chronisten und Schubladisierer: Ja, "Àodìlì" ist ein Soloprogramm, auch wenn sich fast das ganze Programm über ein junger, chinesischer Geschäftsmann als Ansprech- und Anspielpartner für Thomas Maurer neben ihm auf der Bühne befindet. Eine nahezu stumme Statistenrolle, die der junge Laiendarsteller Joey Chen tadellos ausfüllt.

Doch nun das Werk selbst. Ort des Geschehens ist ein Warteraum im Departure-Bereich des Flughafens von Peking. Hier sitzt der Gschwandtner Sigi, Techniker und Gastarbeiter in China, aus ihm nicht ganz nachvollziehbaren Gründen fest. Die Behörden verweigern ihm die Ausreise, weil er angeblich schon ausgereist sei. Sigi nimmt’s mit Gelassenheit. Nach jahrelangem Aufenthalt in China kennt der gemütliche Mühlviertler Ex-Pat die Mentalität gut genug, um zu wissen, dass es dortzulande gar nichts bringt, auf Logik und Rechte zu pochen. Nur Geduld.

Als hochgradig gesprächiger Mensch füllt er die Zwangspause nicht nur mit ausgedehnten Telefonaten mit Familienmitgliedern und Arbeitskollegen, er beschwatzt auch unaufhörlich einen chinesischen Sitznachbarn. Und das mit einer Aufdringlichkeit, der wohl nur ein asiatischer Stoiker gewachsen ist. Selbst dessen anfänglich noch höflich vorgetragener Satz „Sorry, no english“ bringt Sigi nicht davon ab, ihn konsequent zuzutexten. Dann eben der Einfachheit halber gleich auf deutsch. Er versteht ja eh nichts: "I am just veroasching you."

Es ist schließlich der ja immer schon völkerverbindenden Funktion hochprozentiger Getränke zu verdanken, dass die sich langsam doch verschlechternde Laune von Siggis genervtem Gegenüber nicht zu Bilateralschäden führt. Im Gegenteil. Alkohol verbrüdert. Fast bis zum gemeinsamen Singen der oberösterreichischen Landeshymne. Darauf trinken wir noch einen. Gambei! Aristoteles, der alte Komiker, hätte seine Freude an diesem gelungenen Kleinkunst-Kammerspiel: So sauber hat sich erst selten ein Kabarettist an die Einheit von Raum, Zeit und Handlung gehalten.

Und in diesen von Regisseurin Petra Dobetsberger gut geschlossenen, dramaturgisch überzeugend gezimmerten und für ein Kabarettprogramm durchaus originellen Rahmen packt Maurer dann kurzerhand ein ganzes Weltbild. Überdies in einem - laut einhelliger Aussage einiger oberösterreichischer native-speaker – sehr glaubwürdigen Mühlviertler Idiom. Um es kurz zu machen: "Àodìlì" ist Maurers stimmigstes Programm bisher. Punktum. Ungeteilte Hochachtung gebührt natürlich vor allem seinem rund 100-minütigen Monolog. So amüsant und gleichzeitig so gescheit, so plauderleicht und flüssig und dabei hintergründig und entlarvend. Dicht pointiert – und immer am Punkt. Wie gesagt: die Welt aus der Sicht eines Mühlviertlers. Kein Böser. Im Gegenteil.

Grundsätzlich ein gelassener Menschenfreund. Offen und neugierig. Und mitteilsam. Sehr mitteilsam! Es ist das ständige assoziative Wechselspiel zwischen seinen Ferngesprächen mit der Heimat, seinen Erzählungen und Anekdoten über China, seinen Erfahrungen als kleines Rädchen in der Weltwirtschaft und seinen Einschätzungen der Situation in China und im Mühlviertel, das sich zu einem aktuellen Sittenbild in Zeiten der Finanzkrise summiert. Und somit die Wurzeln des menschheitlichen Übels freilegt. Denn die liegen in der menschlichen Natur.

Es sind die Charakterschwächen des Einzelnen, die großen und kleinen Egoismen, alltäglichen Opportunismen und latenten Korrumpierbarkeiten, die sich zu fast jeder globalen Krise hochrechnen lassen. Ein Prinzip, das Mauer mit der Figur der harmlosen, ja fast sympathischen Plaudertasche Sigi Gschwandtner vortrefflich veranschaulicht. "Die san net so, weils Chinesen san", erkennt selbst Gschwandtner, "die san so, weils Leit san!" Es ist ja so: Dank der Globalisierung kann die privilegierte Klasse der Nutznießer ihre Gier jetzt weltweit austoben. Skrupellose Gewinnmaximierung ohne Rücksicht auf Verluste anderer. "A so a Oaschloch!... Respekt."

Welch bezeichnende Kombination aus Beleidigung und Anerkennung – in Zeiten, in denen Berechnung und Bereicherung zu durchaus gesellschaftsfähigen Hobbys avanciert sind. Im ganz großen Stil – und im kleinen Geschäft: Wenn Sigi einen Container voll USB-Sticks günstig nach Europa exportieren kann, um mit dem Gewinn seiner Familie ein schönes Heim zu bauen, muss es ihm egal sein, dass die Ware in Straflagern produziert wurde. Um das Thema Menschenrechte anzusprechen, reicht sein Englisch nun wirklich nicht aus. Dass China quecksilberverseuchte Schnuller exportiert, ist ihm weit weniger wichtig, als das Verwandtschaftsverhältnis des Mühlviertler Bürgermeisters mit dem örtlichen Bauhof-Leiter. Und Umweltkatastrophen interessieren ihn nur dann, wenn sie unmittelbaren Einfluss auf den Preis des Schotters haben, mit dem er seinen Zufahrtsweg befestigen will. Der gewissenlos geratene Geist des Biedermeier als global player. Weit haben wir es gebracht. Peter Blau